Die Waldhexe
Und sie kam. Ein zarter Windhauch kündigte ihr Kommen an. Von weit her erklang eine liebliche Melodie. Alles um sie herum schien sich im sanften Rhythmus zu wiegen.
Vor ihr ging der Nebelmann, denn sie war besser auf der Hut. Nicht alle waren Ihr wohl gesonnen. Barfüßig, achtsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihr Gang war leicht, wie ihre Melodei. Ihre hellwachen Augen, die ihr Alter nicht verrieten, sandten ein freundliches Leuchten zum kleinen Engel.
„Ein Raunen geht durch den Wald – Sei gegrüßt Gottes Engel“.
„Was tust du hier im Walde, ganz allein?“ „Oh, ich habe viel zu tun, Jahr ein, Jahr aus. Ich schenke allen Pflanzen und Wesen im Walde meine Dankbarkeit und Wertschätzung. Jeden ermutige ich, sich in voller Größe und Schönheit zu entfalten und nehme dankbar ihre Gaben entgegen, aus denen ich heilsame Elixiere, Salben und Tee´s bereite.
Vor langer Zeit kamen dereinst die Menschen und suchten meinen Rat. Heut wollen die Menschen davon nichts mehr wissen. Sie haben verlernt, Ihren Herzen zu lauschen. Ihre Körper sind vergiftet und oft auch Ihr Geist. Gegen all den neumodischen Kram braucht es starke Kräuterkraft. Verächtlich nur schauen sie auf ihre grünen Helfer, die sich ihnen mutig entgegenstrecken.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen, zärtlich glitten Ihre Hände über das zarte Grün. „Meine tapferen Kinder, sie erkennen die Kraft Eurer Gaben nicht mehr.“
Der Engel antwortete voller Mitgefühl.
„Wir werden die Herzen der Menschen wieder erwärmen. Hab noch ein wenig Geduld. Hüte, bewahre Dein Wissen. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem die Menschen Dir dankbar lauschen, Dein Wissen und die Gaben Deiner grünen Helfer wieder schätzen werden.
Aber verrate mir, gute Alte. Mir ist aufgefallen, dass auch giftige Pflanzen, Beeren und Pilze im Walde wachsen. Viele von ihnen strahlen in besonders auffälligen Farben, warum ist das so?“ „ Kleiner Engel, das hast du gut beobachtet. Die Farbenpracht weckt Deine Aufmerksamkeit. "Sei wachsam", warnen sie. "Gehe nicht leichtfertig mit mir um." Bei diesen Pflanzen, Beeren und Pilzen ist der Zeitpunkt der Ernte, die Dosis und Art Zubereitung von allerhöchster Wichtigkeit. Der Pfad ist sehr schmal zwischen heilsamer und schmerzhafter Wirkung.
Nur wirklich Kundige sollten sich diesen Pflanzen nähern. Aber es gibt viele wundervoll schmeckende und heilsame Wildkräuter, Beeren und Pilze. Lausche Ihren Liedern, jedes von Ihnen hat seinen ganz eigenen Klang, seinen unverwechselbaren Geschmack und betörenden Duft. Ernte sie behutsam, sei dankbar von Herzen und gib immer auch etwas von Dir.“ Ist der Kreis geschlossen, werden allesamt heil miteinander, die Menschen und ebenso die Pflanzen, sie heilen einander, weist Du.
Das Waldlüftchen erinnerte das Kräuterweib, wieder an Ihre Arbeit zu gehen. "Oh, ja es ist höchste Zeit. Wir haben heute eine besonders kraftvolle Sternenkonstellation. Die göttliche Kraft hat alles Bestens gefügt für ihren Engel“ lächelte sie. „Ein guter Zeitpunkt für ganz besonders heilsame Kräuteransätze. Ich will mich sputen.“ Rasch hob sie ihren weiten Rock und sprang hurtig davon. Von weither erklang wieder jene zauberhafte Melodei und bald konnte man sie kaum mehr unterscheiden vom Rauschen der Blätter im Wind.
Der Engel blieb auf der Lichtung, mit den Elfen, mit den Wichteln, mit dem alten Geist der Stille und mit seinem blonden, blauäugigen, lustigen kleinen Töchterlein, dem Echo. Und nun fing er an den Wald zu verschönern.